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"Der Rat der Stadt Wesel hat beschlossen, die innerstädtischen Grünzüge für die Bevölkerung und die Natur zu optimieren. Dazu benötigen wir Daten". So fing es an, damals im Winter 1998/99. Heute ist aus dieser Geschichte eine enge und konstruktive Zusammenarbeit geworden, wie sie besser kaum sein kann. Doch der Reihe nach: |
Schon zu Beginn der Felderhebungen wurde klar, dass dem Weseler Innenstadtbereich eine große Bedeutung für den Schutz der Fledermäuse zukommt. Denn schon vor dem Beginn der Kartierung war bekannt geworden, dass sich im Glacis ein bedeutendes Winterquartier befindet, die Kasematte im Heubergpark. Verborgen unter einem Erdhügel, dem Rest eines alten Ravelins aus dem 18. Jahrhundert, liegt diese Kasematte, die von der Stadt Wesel als Lagerraum für Gartengeräte genutzt wird. Nachdem die ersten Zählungen überwinternder Fledermäuse aus der Kasematte vorlagen und damit die Bedeutung dieses Gebäudes als schutzwürdiges Quartier klar wurde, war schnell die Idee geboren, die Weseler Bevölkerung über diesen Sachverhalt zu informieren und über das Leben von Fledermäusen im Allgemeinen aufzuklären. Denn bis heute halten sich hartnäckig die Gerüchte und Märchen über die "bösen" Fledermäuse.
Die Voraussetzungen waren in unserem Fall ausgesprochen günstig. Denn am Tisch saßen Leute mit Interesse und dem Willen, gute Arbeit zu leisten. Gemeinsam machten sich Vertreter der Stadt Wesel, des Fledermausschutzvereins Pipistrellus und der Biologischen Station an die Arbeit und hoben die Weseler Nacht der Fledermaus aus der Taufe. Als Veranstaltungsort waren Schulen oder andere öffentliche Gebäude schnell aus dem Rennen, die Fledermausnacht sollte an einem ganz besonderen Ort stattfinden, das Objekt der Begierde war die Kasematte. Hier, an der Stelle, wo im Winter viele Fledermäuse schlafen, lässt sich wie an keinem anderen Ort das Leben der Fledermäuse nachempfinden. Im Sommer halten sich in der Kasematte nur vereinzelt Fledermäuse auf, so dass eine Störung, die ja dem eigentlichen Ziel, dem Schutz der Tiere, entgegenspräche, ausgeschlossen werden kann.
Und wenn schon in einer "Gruft", dann auch richtig - die Ideen nahmen und nehmen kein Ende: Die Kasematte, ohnehin schon bestens geeignet für eine Veranstaltung über Fledermäuse, wird mit viel Liebe zum Detail geschmückt. Knoblauchzöpfe und Holzpflöcke liegen überall bereit, denn man weiß ja nie...! Schwarze Tischdecken und dunkle Folien kaschieren Transportkisten und das Arbeitsgerät der städtischen Gärtner, gut 100 Teelichter erleuchten den Raum und blaue Glühbirnen geben dem Teil der Kasematte, der nicht betreten werden soll ein schauriges Aussehen. Schmiedeeiserne Kerzenleuchter, Totenkopf und gruselige Musik dürfen auch nicht fehlen, denn ein wenig Koketterie mit dem Fürst der Dunkelheit muss einfach sein! Am Eingang, empfangen von Damen in historischen Kostümen, gibt´s zuerst einmal einen dunkelroten Gruseltrank, Likör für die Großen, Kirsch- oder Traubensaft für die Kleinen. Bis zum Beginn der Veranstaltung ist noch Zeit, in der sich das ein oder andere Beratungsgespräch führen lässt, die Besucher können sich in einer Ausstellung über die Fledermäuse in Wesel oder über geeignete Nistkästen informieren. Bücher, Kalender und allerlei kleine Fledermausartikel liegen zum Verkauf bereit.
Mit dem Dunkelwerden geht es dann auf die Suche nach echten Fledermäusen. Vom Kasemattendach aus lassen sich mehrere Arten direkt an der Kasematte beobachten, auch die Teiche im Heubergpark sind ein lohnendes Ziel, denn dort jagen Wasserfledermäuse allabendlich Mücken, Eintagsfliegen und andere kleine Insekten. Nach 3 bis 4 Stunden geht die Veranstaltung dann ihrem Ende entgegen, oft in einer Auseinandersetzung zwischen Kindern und Eltern, denn die Kleinen wollen bleiben!
Die ersten Veranstaltungen waren noch sehr improvisiert, trugen aber dafür auch den Charme der Improvisation. Die Nebelmaschine wurde ausgeliehen (wie funktioniert das Ding eigentlich?), Cassetten und CDs waren nicht sauber überspielt (mein Gott, was kracht das), die Stereoanlage stammte aus dem privaten Wohnzimmer (ob die die Feuchtigkeit hier überlebt?), die Stühle lieferte ein Getränkeverleih (hoffentlich kommen die noch pünktlich!), der Strom kam aus dem nahe gelegenen Hallenbad (wenn da mal keiner die Verlängerungen ausstöpselt!). Heute laufen vor allem diese technischen Dinge professioneller und routinierter (also doch Routine!) ab, doch für Spontaneität ist auch heute noch genug Platz und das soll auch so bleiben. Denn immer wird etwas verändert, ergänzt oder verworfen. Keine Veranstaltung gleicht einer vorherigen, jede Fledermausnacht ist anders, jede auf ihre Art einmalig.
Und die Fledermäuse? Sie profitieren natürlich auch von der ganzen Sache, denn um sie geht es ja letzten Endes. Die Kartierung und Veranstaltungen wie die Fledermausnacht sind wichtige Bestandteile des Schutzes und nicht Selbstzweck! Sie sind Grundlage für die Entwicklung von Schutzkonzepten und ökologischen Verbesserungen im Glacis. Zum Einen werden Vorurteile abgebaut, Ängste genommen und Interesse und Sympathie für diese kleinen Säugetiere geweckt. Eins ist jedenfalls ziemlich sicher, die Besucher der Fledermausnächte werden bestimmt mit viel mehr Toleranz und Gelassenheit reagieren, wenn sich Fledermäuse in ihrem Haus einquartieren. Zum Anderen hat sich auch im Glacis die Situation für die Fledermäuse positiv verändert. Das Winterquartier in der Ravelin-Kasematte wurde optimiert, eine große Zahl zusätzlicher (mittlerweile auch angenommener) Versteckplätze sind geschaffen worden, die Prädation durch Wanderratten, die den Heubergpark "dank" der intensiven Fütterung der Enten in großer Zahl besiedeln, ist erschwert, vielleicht sogar gänzlich unterbunden und: Die Kasematte wurde von der Stadt Wesel ausdrücklich als Winterquartier ausgewiesen und somit auch langfristig gesichert.
Doch auch der Sommerlebensraum der Fledermäuse konnte aufgewertet werden. Das Glacis selbst war bisher für Fledermäuse nur bedingt interessant. Es bietet zwar Nahrung in Form von Insekten, aber Sommerquartiere waren keine vorhanden, da der Stadt als Eigentümer die Verkehrssicherungspflicht für den Baumbestand obliegt. Dies bedeutet, dass alter Baumbestand mit hohem Totholzanteil nicht vorhanden sein kann, weil die Gefahr besteht, dass Fahrzeuge, Gebäude oder gar Personen durch abbrechende Äste zu Schaden kommen könnten. Damit fehlt aber ein wichtiger Bestandteil des sommerlichen Fledermaus-Lebensraumes. Denn vor allem in totem Holz befinden sich Baumhöhlen, Löcher und Spalten, die den Tieren als Quartiere dienen können. Um diese zu ersetzen, wurden im gesamten Glacis Fledermauskästen aufgehängt, die schon wenige Wochen nach dem Aufhängen angenommen wurden. Mittlerweile gibt es auch den ersten Nachwuchs von Zwergfledermäusen in einem der Kästen. |