Rabenkrähe und Elster im Raum Xanten
Einführung
Es gibt kaum eine Vogelgruppe, die so kontrovers unter Naturschützern sowie zwischen Naturschützern und Jägern diskutiert wird, wie die Rabenvögel. Während einerseits die Meinung vertreten wird, dass sie Opportunisten sind, die vielerorts von der menschlichen Landnutzung profitieren und stark zugenommen haben, wodurch sie große Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen sowie durch Prädation an der heimischen Fauna anrichten, werden andererseits Bestandszunahmen und die angenommene Schädlichkeit bestritten. Abhängig von der Sichtweise wird eine Bestandsreduzierung durch die Jagd oder eine vollständige Jagdverschonung gefordert. Gerade in jüngster Zeit wird von Seiten der Landwirtschaft wieder auf einen verstärkten Abschuss der Rabenkrähe gedrängt, weil ihrer Meinung nach der Bestand deutlich zugenommen hat und die Vögel in Obst- und Gemüsekulturen sowie bei Saat und Jungpflanzen jährlich Schäden von vielen Tausenden Euro verursachen. Von Seiten der Jägerschaft wurde gegen die um sechs Wochen verkürzte Jagdzeit für Elster und Rabenkrähen protestiert, mit der Argumentation, dass den steigenden Beständen in der verkürzten Jagdzeit kaum beizukommen ist.
Bestandsaufnahme
Mit dem Ziel, eine zuverlässige Datenbasis für die weitere Diskussion zu schaffen, verfolgen die Mitarbeiter der Biologischen Station schon seit langem die Bestandsentwicklung bei der Saatkrähe im Kreis Wesel. Darüber hinaus hat die Station in den Jahren 2001 und 2002 alle besetzten Saatkrähen-, Rabenkrähen- und Elsterhorste in einem ca. 7.500 ha großen Gebiet am linken Niederrhein erfasst. Das Untersuchungsgebiet erstreckte sich über einem Großteil des Gebietes der Stadt Xanten sowie Randbereiche von Sonsbeck (Labbeck) und Wesel (Ginderich).
Ergebnisse
Seit 1985 ermitteln Mitarbeiter der Biologischen Station alljährlich den Saatkrähenbestand im Kreis Wesel. Zu der Zeit war die Saatkrähe bundesweit vom Aussterben bedroht. Mit einem Bestand von ca. 280 Saatkrähen, brüteten damals ca. 30% aller Saatkrähen des Rheinlandes im Kreis Wesel. Seitdem hat der Bestand zugenommen und erreichte im Jahre 2000 mit ca. 1739 Brutpaaren ein Maximum. Im Jahre 2001 ging der Bestand auf 1658 Brutpaare (minus ca. 5%) und im Jahre 2002 auf 1375 Brutpaare (minus ca. 20% gegenüber 2000 und minus ca. 17% gegenüber 2001) zurück.
Entwicklung des Saatkrähen-Brutbestandes im Kreis Wesel 1985-2002
In den Jahren 2001 und 2002 wurde im Großraum Xanten-Ginderich in einem Gebiet von ca. 7.500 ha der Brutbestand der Rabenkrähe und der Elster ermittelt. Als Ergebnis wurde für das Jahr 2001 eine Brutdichte von 2,9 Rabenkrähenpaaren und 1,5 Elsterpaaren und im Jahre 2002 von 2,7 Brutpaaren der Rabenkrähe und 1,3 der Elster pro 100 ha Landfläche festgestellt. Auffällig waren die großen Unterschiede in der Siedlungsdichte zwischen den Siedlungsbereichen und der freien Landschaft. Im Siedlungsbereich wurde 2001 eine Brutdichte von 7,7 Rabenkrähen- und 5,5 Elsterbrutpaaren und im Jahre 2002 von 6,2 Rabenkrähen- und 4,8 Elsterbrutpaaren pro 100 ha festgestellt, während die Siedlungsdichte in der freien Landschaft im Jahre 2001 2,4 Rabenkrähen- und 1,0 Elsterpaare und in 2002 2,3 Rabenkrähen- und 0,8 Elsterpaare pro 100 ha betrug.
Brutdichte von Rabenkrähe und Elster in den Siedlungsbereichen und im freien Feld des Großraumes Xanten in den Jahren 2000 und 2001
Bewertung
Durch Bejagung sowie die nachhaltige Beunruhigung bis zur totalen Vernichtung von Brutkolonien ging der niederrheinische Saatkrähenbestand von ca. 8.200 Brutpaaren Ende des 19. Jahrhunderts auf 5.000 - 5.600 in den 1920er, weniger als 2.000 in den 1950er und ca. 840 Brutpaare in 1980 zurück. Erst nachdem die Saatkrähe unter Schutz gestellt wurde, konnte sich der Bestand bis auf das gegenwärtige Niveau von ca. 4.500 Brutpaaren erholen. In den 1980er Jahren brütete nahezu der gesamte Saatkrähenbestand des Kreises Wesel in einer einzigen Kolonie am Fürstenberg bei Xanten. Der dortige Bestand entsprach einem Drittel des gesamten Saatkrähenbestandes des Niederrheines. Auch der gegenwärtige Saatkrähenbestand des Kreises Wesel entspricht etwa einem Drittel des niederrheinischen Bestandes, aber ist kreisweit über ca. 40 Kolonien verteilt, wobei die Nachfolge-Kolonie der Fürstenberg-Kolonie an der Birtener Kirche mit 200-250 Nestern in den Jahren 2000 und 2001 immer noch die größte Kolonie im Kreis ist.
Für die 1970er Jahre stellt Mildenberger (1984) fest, dass die Elster damals in den Rheinauen mit 5-7 Brutpaaren und im Siedlungsbereich mit 1,5-2,5 Brutpaaren pro 100 ha vertreten war und im Kreis Wesel jährlich 1,5-2,5 Elstern pro 100 ha geschossen wurden (gegenwärtig 3-5 Elstern/100 ha und 5-6 Rabenkrähen/100ha). Er schließt hieraus, dass die Bestände durch die Bejagung künstlich niedrig gehalten werden und dass es bis zu 10 km2 große Bereiche gibt, "in denen trotz geeigneter Biotope kaum noch eine Elster brütet". Für die Rabenkrähe gibt Mildenberger an, dass die Art aufgrund der starken Bejagung am Niederrhein nur Siedlungsdichten von 0,1-0,2 Brutpaaren pro 100 ha erreicht, während in den übrigen Teilen des Rheinlandes eine Dichte von 1-7,5 Brutpaaren pro 100 ha gefunden wurde. Peitzmeier (1979) stellte für die gleiche Periode fest, dass der Bestand der Rabenkrähe in Westfalen sehr stark durch die menschliche Verfolgung (Abschuss und Gifteier-Aktionen) beeinflusst wurde und dass es neben Gebieten mit einer Bestandsdichte von 1-3 BP/100ha auch Gebiete gab, wo die Rabenkrähe fast ausgestorben war.
Bestandsentwicklung von Rabenkrähe und Elster seit den 1970er Jahren
Aufgrund dieser Daten kann die häufig beschworene explosive Zunahme beider Arten in den letzten Jahrzehnten nicht bestätigt werden. Während die Siedlungsdichte der Elster gegenwärtig wesentlich unter dem Niveau der 1970er Jahre liegt, hat sich seitdem am Unteren Niederrhein die Brutdichte der Rabenkrähe zwar verzehnfacht, liegt jedoch weit unter dem damals außerhalb des Niederrheins üblichen Niveau. Diese Entwicklung ist vielmehr als eine Bestandserholung nach Einstellung der bis dahin üblichen Gifteier-Aktionen zu deuten. Auch bei den bundesdeutschen Beständen beider Rabenvogelarten ist keine sprunghafte Bestandsentwicklung erkennbar.
Auffällig ist die starke Verlagerung beider Arten in die Siedlungsbereiche. Grund für diese Verlagerung könnte einerseits die parkähnliche Erweiterung vieler Siedlungen in der freien Landschaft sein, andererseits ein Vermeidungsverhalten der Rabenvögel aufgrund des seit den 1970er Jahren stetig zunehmenden hohen Bejagungsdrucks, dem sie in der freien Landschaft ausgesetzt sind. Hierbei fällt auf, dass die häufig zitierte "Vollschonung" der Rabenvögel in der zweiten Hälfte der 1980er und ersten Hälfte der 1990er Jahre keine Auswirkungen weder auf die Jagdstrecken beider Arten, noch auf deren Entwicklung gehabt hat.
Entwicklung der Rabenvogeljagdstrecke im Kreis Wesel seit 1975
Das häufigere Auftreten beider Arten in den Siedlungsbereichen kann ebenfalls zu dem Eindruck beigetragen haben, dass die Bestände stark zugenommen haben. Dieser Eindruck wird noch zusätzlich verstärkt durch die Erholung der Saatkrähenbestände, wodurch in der freien Landschaft, im Gegensatz zu früher, regelmäßig große Ansammlungen von Rabenvögeln gesehen werden, die jedoch in den meisten Fällen größtenteils aus Saatkrähen und Dohlen bestehen. So ergab eine Überprüfung der Artzusammensetzung von Rabenvogelschwärmen in der freien Landschaft im Jahre 2001, dass diese zu 50-75% aus Saatkrähen, 15-40% aus Dohlen und nur zu 10-15% aus Rabenkrähen bestehen.
Zusammensetzung von Rabenvogelschwärmen im Raum Xanten
Fazit
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung geben keine Hinweise auf eine starke Bestandszunahme bei Rabenkrähe und Elster, zeigen aber, dass die Saatkrähe sich aus ihrem Bestandstief der 1970er Jahre einigermaßen erholt hat. Das zunehmend häufigere Auftreten von Rabenkrähen und Elstern in den Siedlungsbereichen kann zu dem Eindruck beigetragen haben, dass die Bestände stark zugenommen haben. Dieser Eindruck wird noch zusätzlich verstärkt durch die Erholung der Saatkrähenbestände, wodurch in der freien Landschaft, im Gegensatz zu früher, regelmäßig große Ansammlungen von Rabenvögeln gesehen werden, die jedoch in den meisten Fällen größtenteils aus Saatkrähen und Dohlen bestehen.
Da die Rabenkrähen nicht zugenommen haben und die von der Landwirtschaft beklagten Schäden von Saatkrähen verursacht wurden, die nicht-jagdbar sind und deren Bestand neuerdings wieder rückläufig ist, erscheint die Forderung der Landwirtschaft nach einer verstärkten Bejagung der Rabenkrähe zur Schadensminderung wenig zielführend. Hinzu kommt, dass die Rabenkrähenstrecke in den letzten 10 Jahren bei nahezu gleichbleibender Bestandsgröße sich in Nordrhein-Westfalen schon verdreifacht, im Kreis Wesel sogar vervierfacht hat, ohne dass hierdurch offensichtlich landwirtschaftliche Schäden verhindert bzw. verringert werden konnten.
Zur Verhinderung von Schäden an Silagehaufen scheint es wesentlich zielführender, einerseits den Haufen mittels einer speziellen Schutzfolie gegen Durchpicken durch die Raben- und Saatkrähen zu sichern und andererseits die Anschnittstelle jedesmal nach der Nutzung locker abzudecken, um Fraßschäden durch Vögel zu verhindern. Bei der Höhe der durch die Landwirtschaft angegebenen Schäden, zahlt sich die Schutzfolie zweifellos nach kurzer Zeit von selbst zurück.
Literatur
Mildenberger, H. (1984): Die Vögel des Rheinlandes. Band 2. GRO
Beiträge zur Avifauna des Rheinlandes Heft 19 - 21.
Peitzmeier, J. (1979): Avifauna von Westfalen. Abhandlungen aus dem Landesmuseum für Naturkunde zu Münster in Westfalen 41, HEft 3/4.