Sex ist vielleicht die schönste Nebensache der Welt - auch bei Primeln. Primeln oder zu Deutsch Schlüsselblumen besitzen zwar wie die meisten Blumen zwittrige Blüten, also solche, die sowohl weibliche Fruchtknoten als auch männliche Staubbeutel aufweisen. Bei genauerem Hinsehen wird man allerdings feststellen, dass es innerhalb einer Population oder eines Bestandes zwei Typen von Blüten gibt. Aber, um das Besondere am Geschlechtsleben der Schlüsselblumen zu verstehen, sehen wir uns erst einmal deren Blüten im Groben an: Die dottergelbe Blütenkrone ist in eine enge Röhre und einen einem trichterförmigen Teller ähnelnden Kronsaum gegliedert; man spricht auch von "Stieltellerblumen". Am Boden des "Tellers" befinden sich fünf orangefarbene, duftende Saftmale, die Falter, Hummeln, Hummelschweber und andere Insekten als Bestäuber anlocken.
Beim Hereinschauen oder vorsichtigen Öffnen der Kronröhre verschiedener Pflanzen eines Bestandes fallen die zwei Blütentypen bald auf: Zunächst gibt es einen solchen, bei dem die Narbe auf einem langen Stiel oder Griffel weit über dem Fruchtknoten sitzt und fast aus der Blütenröhre herausschaut; die Staubbeutel, an der Innenwand der Röhre mittels kurzer Stielchen angeheftet, erreichen nur etwa die Hälfte der Höhe der Narbe. Beim zweiten Typ sind diese Blütenmerkmale genau umgekehrt ausgebildet: kurzer Griffel, aber weit oben sitzende Staubbeutel. Diese Erscheinung wird als Verschiedengriffligkeit oder Heterostylie bezeichnet und kommt nicht nur bei Primeln vor, auch Forsythien zum Beispiel weisen verschieden lange Griffel und Staubblätter auf. Insekten, die den Eingang der Blütenröhre besuchen, werden beim kurzgriffligen Typ von den dort vorhandenen Staubbeuteln relativ weit hinten mit Pollen beladen; nur beim langgriffligen Typ treffen die an dem Insekt haftenden Pollenkörner auf die sich an vergleichbarer Position befindende Narbe. Der langgrifflige Typ mit seinen tief stehenden Staubbeuteln bestäubt entsprechend den kurzgriffligen, und zwar durch Beladen der Insekten relativ weit vorn an deren Körper.
Aber Verschiedengriffligkeit ist noch nicht alles, um die Selbstbestäubung zu unterbinden: denn sogar Narbenoberfläche und Pollenkorngröße sind unterschiedlich ausgebildet. Die Narbe des langgriffligen Typs besitzt große Papillen auf ihrer Oberfläche, in den Staubbeuteln befinden sich kleine Pollenkörner. Beim kurzgriffligen Typ ist es genau umgekehrt: kleine Papillen, große Pollenkörner. So passen die Pollenkörner des einen genau in die Papillenzwischenräume des jeweils anderen Blütentyps.
Ihren Namen hat die Schlüsselblume wohl daher, dass die in Dolden stehenden Blüten wie Schlüssel an einem Schlüsselbund erscheinen. Das trifft insbesondere auf die Wiesen-Schlüsselblume zu. Obwohl sie nicht die am frühesten blühende Primel ist, fiel sie doch den Menschen am ehesten von allen Arten auf, wie sie im Frühjahr auf vielen Wiesen diese als erste mit Ihrem Gelb verschönerte. Bereits aus dem Althochdeutschen kennt man die Pflanze unter dem Namen himilsluzzil, also der Himmelsschlüssel, der gleichsam als Erstblühende den Blütenhimmel aufschließt. Auch der wissenschaftliche Name Primula veris, deutet auf die zeitige Blüte hin: Primula ist die Verkleinerungsform vom lateinischen prima, die Erste, veris leitet sich von ver, der Frühling ab. So heißt Primula veris wörtlich "die kleine Erste des Frühlings". So wird die WiesenSchlüsselblume auch Frühlings-Schlüsselblume genannt. Am klimatisch günstig gelegenen Niederrhein kann man bereits Ende März die ersten offenen Primelblüten finden, jedoch liegt die Hochblüte in der zweiten Aprilhälfte. Vier Wochen später muss vielerorts nach den noch blühenden Pflanzen gesucht werden, da die Schlüsselblumen von höheren Kräutern und Gräsern überwachsen werden.
Duftende Schlüsselblume, Echte Schlüsselblume oder Arznei-Primel sind weitere deutsche Namen. Die beiden letztgenannten Bezeichnungen deuten auf die medizinische Verwendung der Primula veris hin. Wurzel und Wurzelstock enthalten Saponine, die u. a. auswurffördernd wirken und bei Bronchitis und anderen Atemwegserkrankungen Linderung bringen.
Nun aber zum Lebensraum der Primula veris: Sie findet sich in Kalk-Magerrasen und nicht zu nährstoffreichen Wiesen und Weiden, deren Böden basenreich und möglichst kalkhaltig sind. Darüber hinaus bevorzugt sie wärmere Standorte und siedelt verstärkt an sonnenexponierten Böschungen. Stellenweise kommt sie auch auf Rainen und an Waldrändern vor, dringt stellenweise in lichte Wälder und Gebüsche ein.
In Nordrhein-Westfalen erstreckt sich die Verbreitung der Wiesen-Schlüsselblume im Wesentlichen auf die kalkreicheren Mittelgebirge. Im Tiefland gibt es eher zerstreute Wuchsbereiche; nur ein deutlicher Schwerpunkt der Verbreitung im nordrhein-westfälischen Tiefland schält sich heraus: die Auen des Niederrheins sowie der Unterlauf der Lippe, somit also im Gebiet des heutigen Kreises Wesel. Gerade das Niederrheinische Tiefland weist basen- und kalkreiche Böden fast ausschließlich in Rhein- und Lippeaue auf, so dass die Wiesen-Schlüsselblume lediglich versprengte Vorkommen außerhalb der Flussauen besitzt.
Halbtrockenrasen und wärmeliebende Wiesen konnten sich aufgrund der frühen In-Kultur-Nahme der Flussauen durch den Menschen auf Standorten wie Uferwällen und anderen höher gelegenen Standorten stark ausbreiten. Die Pflanzenlebensgemeinschaften, an deren Zusammensetzung Primula veris maßgeblich beteiligt ist, sind die buntesten und artenreichsten Wiesen, die weit und breit am Niederrhein zu finden sind. Da der Stromtal-Halbtrockenrasen faktisch ausgestorben ist, treten uns heute die bunten Wiesen der Auen auf besonders trockenen Standorten noch in Form der Salbei-Glatthaferwiese entgegen, die nach dem Wiesen-Salbei Salvia pratensis benannt ist. Weitere Kräuter und Gräser dieser bunten Ra-sen und Wiesen sind unter vielen anderen selten gewordene und gefährdete Vertreter wie
- der Kleine Wiesenknopf, Sanguisorba minor (zurückgehend)Die intensivere Landbewirtschaftung überführte viele Halbtrockenrasen zunächst in trockene Salbei-Glatthaferwiesen, die wiederum oft dauerhaft verarmten durch den gesteigerten Einsatz von Mineral-Stickstoff; hinzu kam die starke Ausbreitung der Ackernutzung. Aber nicht nur die in den letzten Jahrzehnten stattgefundene rasante Veränderungen in der Landwirtschaft führte zum Verlust der bunten Wiesen, auch die auf großer Fläche immer noch betriebene Auskiesung, besonders in der verbliebenen Überschwemmungsaue des Rheins, führte unmittelbar zum Verlust der Standorte. Eines der frühesten Beispiele hierfür, das seinerzeit bereits Naturschützer zu - letztlich vergeblichen - Protesten veranlasste, ist die vor dem Kriege begonnene Kiesgewinnung im Süden der Bislicher Insel.
Im Kreis Wesel stellte sich bis vor wenigen Jahren die Situation für die Wiesen-Primel und ihre pflanzlichen "Mitbewohner" folgendermaßen dar: Die Vorkommen artenreicher Wiesen auf trockenen natürlichen Standorten sind bis auf wenige Reste, die sich vornehmlich in der Lippeaue befinden, verschwunden. Als wichtigstes Refugium ("Zufluchtsort") der Salbei-Glatthaferwiese in der Rheinaue sind die vom Menschen erbauten Deiche geworden. Diese können oft nur relativ extensiv bewirtschaftet werden. Die Böschungen sind steil und lassen eine Bearbeitung mit größeren Geräten lediglich eingeschränkt zu. Zumal wenn sich auf der Deichkrone ein öffentlicher Fahrweg befindet, kann eine Düngung und Herbizidanwendung von der Deichkrone nicht erfolgen. Trotzdem sind die Deiche in der Regel Teil einer größeren landwirtschaftlichen Parzelle. Und da nicht jeder Bauer gleich wirtschaftet, die Exposition der Deichböschungen von Abschnitt zu Abschnitt unterschiedlich ist (Südböschungen sind wärmer und trockener als Nordböschungen etc.) und auch die Bodenverhältnisse variieren kön-nen, weist die Vegetation der Deiche und die von ihr abhängige Wirbellosenfauna insgesamt gesehen eine hohe Vielfalt auf. So ist ein von Menschenhand zum Zwecke des Hochwasserschutzes errichtetes Bauwerk zu einem wichtigen Lebensraumband geworden, das links und rechts des Rheines die gesamte Aue durchzieht und trocken-warme Standorte miteinander verbindet.
Doch die Zukunft der bunten Deiche und somit der Salbeiwiesen erscheint zurzeit recht kritisch. Nach den beiden größeren Hochwasserereignissen 1994 und 1995 ist Hochwasserschutz zu einem wichtigen politischen Thema geworden. Die Deiche wie wir sie bisher kannten genügen nicht mehr den Anforderungen an einen modernen Hochwasserschutz. Die Folge daraus ist ein Programm der Landesregierung, das vorsieht die Deiche durchweg von Grund auf zu sanieren. Erster Schritt war die weitgehende Untersagung der Rinderbeweidung auf Deichen; diese erfolgte in aller Regel recht extensiv und erhielt in dieser Form die artenreiche Vegetation auf ideale Weise zusammen mit der extensiv betrieben Mahd. Bei der nun eingeführten Schafhaltung besteht die Gefahr der zu intensiven Beweidung, insbesondere wenn die Tiere in Koppeln gehalten und nicht gehütet werden.
Aber Grundproblem ist der sukzessiv betriebene Umbau der Deiche, von dem letztlich der gesamte Deichverlauf am Niederrhein betroffen sein wird. So wird innerhalb von wenigen Jahren ein gesamter Vegetationstyp mit all seinen seltenen und ohnehin schon gefährdeten Arten weitgehend ver-nichtet werden, es sei denn, es werden ausreichend Maßnahmen getroffen, den Artenreichtum auf die neuen Deiche zu übertragen (Sodenverpflanzung, Mahdgutauftrag etc.) und, was letztendlich genauso wichtig ist, durch entsprechende Bewirtschaftung und Pflege dort auch zu erhalten. Allerdings stellt die Erhaltung von Altdeichen oder Teilen von diesen den besten Schutz für die deichbewohnenden Pflanzen und Tiere dar. So konnte bei der Deichsanierung Bislich auf zwei Abschnitten die wasserseitige Böschung erhalten bleiben, weil hier das besondere Verfahren der Kerndichtung angewendet wurde. An anderen Stellen, insbesondere wenn Teile des Deichverlaufs zurückverlegt werden sollen, bietet sich der Erhalt des Altdeiches an.
Eine Behandlung des Themas "Deichbau und Naturschutz im Kreis Wesel" wollen wir ggf. in künftigen Beiträgen vertiefen. An dieser Stelle sei bereits auf die neu erschienene Broschüre des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums "Deiche in NRW - mehr als Hochwasserschutz" hingewiesen.
Kehren wir aber nochmals zu "unserer" Wiesen-Schlüsselblume zurück: Primula veris gehört nicht zu den allerseltesten Arten der niederrheinischen Flora - noch nicht. Gerade deshalb haben wir sie stellvertretend für alle ihre "Mitbewohner" der trocken-warmen, kalkreichen Wiesen am Niederrhein ausgewählt. Als Besucher der niederrheinischen Landschaft haben Sie immer noch die verhältnismäßig große Chance, diese Pflanze in Beständen, insbesondere an den Böschungen der Altdeiche zu sehen. Dann können Sie im Frühling selbst nachschauen, wie es sich mit dem Sexualleben der Schlüsselblume verhält, und sich im Laufe des Sommers an der bunten Vielfalt der Deichwiesen erfreuen.
Gerade dem Kreis Wesel obliegt in Bezug auf die Wiesen-Schlüsselblume eine besondere Verantwortung für deren Schutz, befindet sich doch der Schwerpunkt der Verbreitung im nordrhein-westfälischen Tiefland in unserer Region. Die Art und Weise wie im Zuge des Deichbaus auf die Belange des Arten- und Biotopschutzes, die sich durchaus mit dem Hochwasserschutz vereinbaren lassen, Rücksicht genommen wird, wird sich in den nächsten Jahren entscheidend auf die Fortschreibung der Roten Listen auswirken. Regional stark gefährdete Arten wie die Kleine Wiesenraute oder der Körner-Steinbrech besitzen ihre wichtigsten Vorkommen im Kreis Wesel auf Deichen. Nur rücksichtsvolles Handeln wird verhindern, dass solche Arten an den Rand des Aussterbens gebracht werden. Primula veris und Co., die Salbeiwiesen, verdienen unseren Schutz, damit unsere Kinder bunten Artenreichtum nicht nur aus dem Blumenladen kennen lernen.
Literatur zum Thema:
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