Wie man neue Arten entdeckt oder Methoden der Fledermausforschung

Fast jeder Forscher träumt schon als Student davon, einmal etwas zu entdecken, was bisher noch keiner kennt - vielleicht eine neue Tier- oder Pflanzenart. Dass dies auch heutzutage tatsächlich noch möglich ist, zeigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Man muss gar nicht unbedingt in den tropischen Urwald reisen, wo noch viele Arten, vor allem Insekten und Pflanzen leben, die wahrscheinlich aussterben, noch bevor sie jemand entdeckt hat.

Kaum acht Jahre ist es her, als in Mitteleuropa die Entdeckung einer neuen Art überraschte, die bis dahin unbemerkt bei uns lebte - keiner kann sagen, wie lange schon. Es war kein versteckt lebendes und seltenes Insekt, das nur von den verschrobensten Fachleuten erkannt werden konnte - nein: Ein Säugetier war´s. Ohne die modernen Methoden der Feldbiologie lebte es allerdings wohl heute noch - im wahrsten Sinne des Wortes - im Dunkeln.

Rund 70 % der Säugetiere gehören zu den Vertretern, die relativ klein sind und einer verborgenen oder nächtlichen Lebensweise nachgehen: Den Insektenfressern, Nagern und Fledermäusen. Zu letzteren gehört auch die oben genannte Neuentdeckung in Mitteleuropa. Die "Mückenfledermaus" getaufte Art wurde übrigens für den Kreis Wesel im Jahre 1999 erstmalig nachgewiesen.

Die Lebensweise der erwähnten Tiergruppen macht es zu einem schwierigen Unterfangen, ihr Vorkommen nachzuweisen oder gar die vorkommenden Arten zu unterscheiden. Früher war es eine gängige Methode, Tiere zu fangen, zu töten und dann in aller Ruhe zu bestimmen. Die wissenschaftlichen Sammlungen vieler Naturkundemuseen sind so entstanden. Zum Glück kann man heute auf andere Methoden zurück greifen.

Ultraschall und Fledermausdetektoren
Ja wo fliegen sie denn? Das Klicken im Detektor verrät die Anwesenheit einer Fledermaus, bevor das Auge sie entdecken kann.

Fledermäuse sehen mit ihren Augen in der Dunkelheit genau so viel oder wenig wie wir. Dennoch werden sie erst bei Einbruch der Dämmerung aktiv. Sie orientieren sich durch Echoortung mit Lauten, von denen die meisten, für unser Ohr unhörbar, im Ultraschallbereich liegen. Um sie auch für uns hörbar zu machen, gibt es heute die "Bat-Detektoren". Diese Geräte besitzen ein Ultraschallmikrofon, mit dem sie die Laute der Fledermäuse aufnehmen. Anschließend wandeln sie sie in für uns hörbare Frequenzen um.
Viele dieser Rufe sind arttypisch, doch nur wenige Arten kann man sofort anhand des hörbar gemachten Geräusches erkennen. Viele Rufe muss man zunächst als "Konserve", also als Audioaufnahme aus dem Feld mit ins Büro nehmen. In einen Computer eingespeist werden sie dann von speziellen Programmen analysiert: Parameter wie Tonhöhe, Frequenz, Dauer und Lautstärke werden dabei ausgewertet. Schließlich können die Rufe der meisten Arten diesen nach der Analyse zugeordnet werden. Einige Arten können auf diese Weise aber noch nicht unterschieden werden. Es gelangen bisher zu wenige verwertbare Aufnahmen, oder diese konnten nicht eindeutig einem durch andere Methoden sicher bestimmten Rufer zugeordnet werden. Vor allem aber konnte noch niemand in der Rufstruktur solche typischen Segmente finden, die eine Art eindeutig bestimmen, was für die Zuordnung zukünftiger Rufaufnahmen unerlässlich wäre.

Die Mückenfledermaus - neu entdeckt in den 1990ern
Dennoch war es diese Methode, durch die englische Fledermausforscher Mitte der 1990er Jahre entdeckten, dass manche Zwergfledermäuse - die bei uns mit Abstand häufigste Fledermausart -Ortungslaute mit höheren Frequenzen haben, als andere Artgenossen. Inzwischen hat man durch Untersuchungen des Erbgutes dieser Tiere festgestellt, dass es sich tatsächlich um eine zweite, der Zwergfledermaus sehr ähnliche Art handelt. Die neu entdeckte Fledermaus mit der "hohen Stimme" ist die bereits erwähnte Mückenfledermaus und wie ihre Zwillingsart ein Winzling, der in jeder Streichholzschachtel Platz findet.

Spurensuche
Der Einstieg in Fledermausquartiere kann sich in luftiger Höhe befinden.

Neben der Methode, die Rufe der Tiere hörbar zu machen gibt es auch eine Methode der Fledermausforschung, die den menschlichen Sinnen eher entgegen kommt: Sichtbeobachtungen. Dies setzt jedoch bei einer Tiergruppe wie den Fledermäusen einiges an Spürsinn, Sehschärfe, Kombinationsfähigkeit und bisweilen Schwindelfreiheit und eine gewisse körperliche Fitness voraus...

Man bestimme ein Tier von der Größe einer Walnuss, dass sich in einem dunklen Gewölbe in eine Spalte geklemmt hat und nur ein schlafend verkniffenes Gesicht sowie ein wenig Fell sehen lässt, dessen Farbe und Länge noch dazu durch anhaftende Tautropfen schwer erkennbar ist. Die zur Artbestimmung wichtigen Strukturen - zum Beispiel Daumenlänge, Verhältnis der Fingerknochen, Schwanzflughaut - bleiben sorgfältig in den Tiefen des Gemäuers versteckt. Natürlich verbietet es sich von selbst, die Tiere aus der Spalte zu pulen.
Immerhin sind zumindest die Ohren meist zu erkennen. Ohren und Ohrdeckel geben oft gute Hinweise auf die Artzugehörigkeit. Unter Berücksichtigung der Beschaffenheit des Quartiers kann man dann relativ sicher eine Art ansprechen. Dies ist möglich, weil jede Art andere Ansprüche und Vorlieben hinsichtlich ihrer Quartiere hat. Ob Spalten im Gestein, in Bunkern, Stollen und Kasematten, Baumhöhlen oder Hausdächern und -verkleidungen, Bereiche mit konstanten kleinklimatischen Gegebenheiten oder mit gewissen Toleranzbereichen hinsichtlich der Temperatur- und Feuchteschwankungen, all dies kann Rückschlüsse auf die dort gefundene Art erlauben.
Manchmal muss sich der Fledermausforscher von herkömmlichen Bewegungformen verabschieden...

Trotz intensiven Suchens wird der Fledermausfahnder nicht immer das Tier entdecken. Den Blick gesenkt hält er aber dann nicht aus Betretenheit, sondern weil gewisse Hinterlassenschaften der anwesenden Kleinsäuger schließlich doch noch zum Treffer führen können. Gerade auf (nicht zu häufig gefegten) Dachböden verraten die Fledermäuse ihre Anwesenheit durch Ansammlungen von Kotkrümelchen am Boden unter den Hangplätzen. Bis zu einem gewissen Grad kann man sogar anhand der Köttel den "Verursacher" bestimmen.

Neue Entdeckung für den Kreis Wesel

Auf solchen Dachböden gelang es Mitarbeitern der Biologischen Station im Jahre 2003, eine bis dahin für den Kreis Wesel noch nicht nachgewiesene Art aufzustöbern. Das Graue Langohr ist in Nordrhein-Westfalen ausgesprochen selten und war bisher nur aus kleinen Teilbereichen des Rheinlandes und Westfalens bekannt. Im Kreis Kleve, unweit der Grenze zum Kreis Wesel, hatte es bereits Funde dieser Art gegeben.
Fransenfledermaus
Eine Fransenfledermaus in einer Gesteinsspalte
Genug Ansporn also, auch im Kreis Wesel einmal genauer hinzusehen. Auf dem Dach der katholischen Pfarrkirche in Marienbaum schließlich erblickten die glücklichen Fledermauskundler nicht nur schnöde Köttel, sondern tatsächlich aus nächster Nähe ein leibhaftiges Exemplar der Grauen Langohrs. Noch zwei weitere Nachweise der Art gelang den gleichen Glückspilzen in den darauf folgenden Wochen - jedes Mal auf Kirchendächern: Am Xantener Dom und in der evangelischen Pfarrkirche in Hamminkeln.

Der Forschertraum von der Entdeckung einer neuen Art ist hier zumindest im Kleinen - nämlich als Erstnachweis für den Kreis Wesel - einmal mehr wahr geworden. Umso schöner, dass keine ausgefeilte, moderne Methodik dahin geführt hat, sondern ganz einfach - Entdeckerdrang und offene Augen!