Von Preußen und Fledermäusen
Kontrollen von Fledermauswinterquartieren in der Feste Wesel

Einst war Wesel eine der wichtigsten Festungsstädte des preußischen Reiches am Unteren Niederrhein, doch haben nur wenige Reste der ehemals riesigen Befestigungsanlagen und anderen Bauwerke bis heute überdauert. In Wesel geht der Bau erster Befestigungsanlagen auf das 16. Jahrhundert zurück, doch diese wurden im Laufe der Zeit von den verschiedenen Herren der Festung, Preußen und Franzosen, um- und ausgebaut und ständig erweitert. Vor allem in der Zeit Friedrich Wilhelm I. am Ende des 17. Jahrhunderts erfuhr die Festung starke Erweiterungen und Ausbauten, die bis in das 18. Jahrhundert hinein dauerten.
Noch bis in das 19. Jahrhundert wurde an den Festungsanlagen gebaut, womit Wesel zur stärksten Festung im westlichen Preußen wurde. Am Ende des 19. Jahrhunderts verlor die Festung ihre militärische Bedeutung und wurde aufgegeben. Etwa ab 1886 begann dann der Abriss der Stadtbefestigung. Doch in vielen Fällen wurden nur die oberirdischen Teile der Gebäude und Mauern entfernt, viele der unterirdisch liegenden Überreste blieben bis zum heutigen Tag erhalten. Überirdisch erhalten blieben nur kleine Teile der ehemals riesigen Festung. Schon viele Jahre ist die Restfestung nun unbewohnt, doch gilt dies nur für menschliche Bewohner. Denn vermutlich schon kurz nach dem Abzug von Preußen und Franzosen dürften, neben anderen Tieren, Fledermäuse die Reste der Festung besiedelt haben. Womöglich nutzten sie die Gebäude auch schon zeitgleich mit den Menschen.

Fort Blücher
Seit 1996 ist bekannt, dass das linksrheinische Fort Blücher von Fledermäusen besiedelt ist. Die heute als Fort Blücher bezeichnete Ruine ist der Rest einer großen linksrheinischen Befestigungsanlage, die in den 1950er Jahren abgerissen wurde. Lediglich eine Kaserne aus der Zeit um 1807 blieb erhalten. Mit einer Grundfläche von rund 1200 m² und Deckenhöhen von bis zu 6 Metern ist dieses das mit Abstand größte bisher bekannte Winterquartier im Kreis Wesel. Zugleich ist es auch das Quartier, in dem die Zählung überwinternder Fledermäuse besonders schwer ist, weshalb es in der Vergangenheit nicht alljährlich kontrolliert wurde und genauere Zählungen bislang nur in drei Jahren erfolgten. Bei Mauern mit bis zu drei Metern Mächtigkeit, tiefen, verzweigten Spalten und Unmengen nicht kontrollierbarer Vertiefungen ist im Fort mit einer großen Zahl überwinternder Fledermäuse zu rechnen, die vom Zähler nicht registriert werden können. Wie hoch die Dunkelziffer ist, wird vermutlich nie bekannt werden.

Aufgrund der baulichen Bedingungen ist das Fort nicht gleichmäßig besiedelt. Im Inneren des Gebäudes befinden sich Kammern, von denen sich in vieren große Fensteröffnungen befinden. Diese Kammern sind somit hell, zugig und vergleichsweise trocken. In vier weiteren Kammern sind die Fensteröffnungen zugemauert, so dass sich hier ein Mikroklima hält, das für die Überwinterung von Feldermäusen gut geeignet ist. Diese Kammern sind dunkel, feucht, frei von Zugluft und auch vor Geräuschen von der nahe gelegenen B 58 abgeschirmt. So wundert es nicht, dass sich die Fledermäuse vor allem in diesen geschlossenen Kammern aufhalten und unter diesen diejenige am intensivsten genutzt wird, die besonders gut gegen die Umgebung abgeschirmt ist. Doch auch in den helleren, offenen Bereichen finden sich hin und wieder Fledermäuse.

Häufigste überwinternde Art im Fort ist die Fransenfledermaus, gefolgt von der Wasserfledermaus. Daneben werden fast jeden Winter auch einzelne Braune Langohren (im Spätsommer sogar bis zu 15!) nachgewiesen. Als regelmäßiger Überwinterer tritt im Fort Blücher auch die Zwergfledermaus auf. Gegenüber den anderen Arten bevorzugt sie hier offene, trockenere Bereiche und hängt auch unmittelbar an Fensteröffnungen! Fort Blücher ist bisher das einzige bekannte Quartier im Kreis Wesel, in dem die Zwergfledermaus regelmäßig überwintert. Die bisher größte Besonderheit war die Überwinterung eines Großen Mausohrs im Winter 1997/98.

Die Ergebnisse aus den Mittwinterzählungen der vergangenen Jahre zeigt die Tabelle am Ende des Textes.

Eingang zur Heuberg-Kasematte
Im Umfeld der Festung ist der Weseler Bevölkerung die Heuberg- oder Ravelinkasematte durch die Fledermausnächte sicherlich das bekannteste Winterquartier. Leider sind nur wenige Fakten zur Historie dieses Gebäudes bekannt. Erbaut wurde sie wohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die aus zwei Längsgewölben bestehende Kasematte hat eine Grundfläche von etwa 280 m². Im 19. Jahrhundert erfolgte eine Erweiterung durch Quergewölbe, die Fläche vergrößerte sich auf rund 380 m². Genutzt wurde dieses Gebäude vornehmlich als Schützenkasematte und Lagerraum. Nach dem Krieg diente sie für einige Zeit als Notunterkunft für die Weseler Bevölkerung. Von den Weseler Quartieren ist die Kasematte bisher am intensivsten untersucht worden. Durchgehende Datenreihen von mehreren Zählungen je Winter liegen aus diesem Quartier seit dem Winter 1998/99 vor, lediglich im Winter 2000/2001 konnten keine Zählungen durchgeführt werden.

Dass die Kasematte Fledermäusen ganzjährig als Quartier dient, war den Mitarbeitern des Grünflächenamtes der Stadt Wesel schon lange bekannt, doch gab es keine Informationen über Anzahl und Arten. Erstmals im Winter 1997/98 wurde bei einer kurzen Begehung ein Bestand von über 60 Tieren ermittelt. Seit dem darauf folgenden Winter werden in der Kasematte regelmäßige Zählungen durchgeführt. Drei Arten können für die Kasematte als regelmäßige Wintergäste betrachtet werden. Häufigste Art ist auch hier die Fransenfledermaus (max. 96 im Winter 02/03), wiederum gefolgt von der Wasserfledermaus (max. 40 im Winter 04/05). Auch hier überwintert regelmäßig das Braune Langohr. Meist sind es 1-3 Tiere, die das Quartier nach den ersten stärkeren Frösten im November/Dezember aufsuchen. Im Winter 01/02 wurde mit 7 Tieren das bisherige Maximum erreicht. Nur im Winter 02/03, der besonders lange kalt war, wurde bisher eine Zwergfledermaus gefunden. Wie in allen anderen uns bekannten Quartieren fehlen Bartfledermäuse als Überwinterer, obwohl sie im Spätsommer und Herbst in mehrere Quartiere einfliegen. Womöglich sind sie aber auch nur so gut versteckt, dass sie sich dem Blick des Zählers entziehen.

Neben den eigentlichen Zählergebnissen, die der Einschätzung der Bestandsentwicklung dienen, konnten Daten über die Phänologie der Quartiernutzung, die Aktivität im Winter, der Hangplatzwahl u.a. gewonnen werden. Besonders interessant und für die Interpretation von Winterquartierzählungen von besonderer Bedeutung ist die Phänologie der Quartiernutzung. Diese zeigt, dass Wintermaxima erst ab etwa der dritten Kalenderwoche (Mitte bis Ende Januar) erreicht werden, in Einzelfällen aber auch deutlich später (Winter 2002/2003 erst in der 9. Kalenderwoche). Vor allem Fransenfledermäuse und Braune Langohren suchen die Quartiere spät im Winter, meist erst nach starken Frösten auf. Die Wasserfledermaus erreicht die Quartiere schon deutlich früher im Winter (Maxima 47.-50. Kalenderwoche), um dann wieder abzunehmen. Diese Abnahme muss nicht bedeuten, dass die Tiere das Quartier wieder verlassen, sondern eher, dass sie sich besonders gut verstecken und dann nicht mehr gesehen werden.

Engelkirche in Fusternberg
Nachdem uns schon vor einigen Jahren ein Hinweis auf das Vorkommen von Fledermäusen in der Engelkirche erreichte, konnte Ende Januar 2004 eine erste Kontrolle durchgeführt werden. Das dreigeschossige Reduit des ehemaligen Forts Fusternberg (erbaut 1857) bietet im Mittel- und Untergeschoss Stellen, die für die Überwinterung von Fledermäusen geeignet sind, im Obergeschoss befindet sich die Krypta der Engelkirche. So konnten denn auch in beiden unteren Geschossen Fledermäuse festgestellt werden. Ein Totfund im Mittelgeschoss wurde als Fransenfledermaus bestimmt. Insgesamt ergab die erste Kontrolle 14 Fransenfledermäuse, 1 "Ufo" und einige Fragen: Denn im Mittelgeschoss wurde Kot von mehreren Fledermausarten gefunden. Und dies legt die Vermutung nahe, dass die Kasematte nicht nur Winterquartier ist, sondern auch im Sommer für Fledermäuse Bedeutung hat. Denkbar ist die Nutzung als Zwischenquartier während der Zugzeiten, als sommerliches Männchen- oder aber auch als Wochenstubenquartier.

Zugang zum Kommunikationsgang unter dem Zitadellenhaupttor
Von allen Resten der Festung wird die Zitadelle heute am intensivsten vom Menschen genutzt. Neben mehreren Museen (Preußenmuseum, Schillmuseum) befinden sich hier das Stadtarchiv, mehrere Künstlerateliers, von Vereinigungen genutzte Räume, das Standesamt und die Jugend-Kunst-und-Musikschule. Doch auch hier gibt es noch Bereiche, die nicht oder wenig genutzt werden und somit für Fledermäuse nutzbar sind. Zu ihnen gehört der Kommunikationsgang unter dem Zitadellenhaupttor. Dieser Gang wurde kürzlich zum ersten mal kontrolliert, nachdem schon vor Jahren dorthin einfliegende Fledermäuse beobachtet wurden. In dem schmalen, kaum zwei Meter hohen Gang, ist für Menschen ab 1,70 m Höhe die Suche nach Fledermäusen nur auf den Knien rutschend möglich. Für Fledermauszähler mit Knieproblemen nicht gerade ein Hochgenuss... Nach einer ersten Begehung im März 2003, bei der aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit keine Tiere registriert wurden, erfolgte eine weitere Kontrolle im Februar 2004. Neben 2 toten Tieren (eine Fransenfledermaus und eine nicht mehr genau bestimmbare Art der Gattung Myotis) wurden 2 Wasserfledermäuse und 5 Fransenfledermäuse gefunden. Im Januar 2005 hielten sich dort 6 Fransenfledermäuse und ein "Ufo" auf.

Alte Eisenbahnbrücke Wesel
Nicht Teil der preußischen Befestigungsanlagen, aber ebenfalls aus dieser Zeit stammen die Reste der ehemaligen Eisenbahnbrücke, die sich beiderseits des Rheins befinden. Diese Brücke ist nicht als massives Bauwerk errichtet worden, sondern weist in großer Zahl gewölbeähnliche Hohlräume auf. Da diese Hohlräume nur unter Missachtung sämtlicher Auflagen der Institutionen für Arbeitssicherheit und der Berufsgenossenschaft zu erreichen sind, den recht anstrengenden Transport einer großen und schweren Leiter durch unwegsames Gelände, absolute Schwindelfreiheit und ebensolche Gelassenheit gegenüber Massen an Taubenkot voraussetzt, zudem die Zahl der Hangplätze und damit die Zahl der zu erwartenden Bewohner ziemlich gering ist, wurde die linksrheinische Brücke bisher nur in drei Jahren kontrolliert. Da jeweils auch nur ein einzelnes Tier gefunden wurde, muss aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Brücke zumindest kein Großquartier für Fledermäuse darstellt. Gleichwohl kann ihr womöglich für ziehende Arten und Einzeltiere Bedeutung zukommen, zumal im Spätsommer mehrere Arten an der Brücke schwärmen, was als Hinweis auf eine intensivere Nutzung als bislang bekannt ist, hindeutet.

Rechtsrheinische Reste der alten Eisenbhnbrüdke
Erstmals im März 2004 wurden auch die rechtsrheinischen Reste der alten Rheinbrücke kontrolliert. In einem zugänglichen ehemaligen Brückenpfeiler hielten sich am 9.3.04 eine Wasser- und eine Fransenfledermaus auf. Da die Kontrolle sehr spät in der Überwinterungsphase - allerdings nach einem Kälteeinbruch mit erneutem Anwachsen der Überwintererbestände im Großquartier Ravelin-Kasematte - stattfand, ist von einem etwas höheren Bestand während des Hochwinters auszugehen. Die Kavernen im Brückenteil um die Gaststätte "Tante Ju" und die Räumlichkeiten der Fliegerfreunde Wesel wurden daraufhin einen Tag später bei ähnlichen Witterungsbedingungen kontrolliert. In den 3 der insgesamt 6 kontrollierten Hohlräumen fanden sich zwar Futterreste, die auf die Nutzung durch Langohren oder Breitflügelfledermäuse hindeuten, jedoch keine Tiere. An diesem Tag war allerdings der Bestand in der Kasematte schon um 40% niedriger als im Hochwinter. Womöglich hatten Tiere, welche die Brücke zur Überwinterung nutzen, dieses Quartier zwischenzeitlich schon verlassen. Im Januar 2005 beschränkte sich die Kontrolle auf einen ohne Aufwand erreichbaren kleinen Teil der Brücke, in dem auch schon im Winter zuvor Fledermäuse gefunden wurden. Hier wurden vier Fransenfledermäuse gezählt.

Fazit:
Von sechs Standorten aus der Zeit Preußens ist bisher bekannt, dass sie zumindest während des Winters als Fledermausquartiere dienen und auch eine grobe Angabe über die Zahl der dort während des Winters anzutreffenden Tiere sowie ihre Artzugehörigkeit ist inzwischen möglich. Doch sind eine Menge Fragen bisher unbeantwortet. Antworten auf diese Fragen zu finden, bleibt weiteren Untersuchungen in den kommenden Jahren vorbehalten.

Fledermausüberwinterung in den preußischen Quartieren in Wesel:
96/97 97/98 98/99 99/00 00/01 01/02 02/03 03/04 04/05
Fort Blücher ca. 30 28 24 n.n n.n. ca. 30 n.nn ca. 30 61
Heuberg-Kasematte n.n. ca. 60 81 66 n.n. 91 124 108 109
Engelkirche n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. 15 10
Zitadellenhaupttor n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. 0 7 7
Eisenbahnbrücke linksrheinisch n.n. n.n. 1 n.n. n.n. n.n. 1 1 n.n.
Eisenbahnbrücke rechtsrheinisch n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. n.n. 2 4
Summe ca. 30 88 105 66 n.n. 121 125 163 191