Die Zweigestreifte Quelljungfer

Die allermeisten wissen von ihr nichts, denn sie lebt äußerst heimlich. Wenn man sie in der Hand hält, fällt ihre schwarz-gelbe Zeichnung sofort leuchtend ins Auge, aber in ihrem angestammten Lebensraum löst sich diese Farbkombination völlig auf. Sie ist mit ca. 8 cm Länge, 10 cm Flügelspannbreite und ca. 4 Gramm Gewicht unsere größte heimische Libelle, aber niemand kennt sie.
Zweigestreifte Quelljungfer
Vor 20 Jahren hielt man die Zweigestreifte Quelljungfer noch für eine Libellenart, die nur an kleinen Bächen in den Hoch- und Mittelgebirgen vorkommt. Anfang der 80-er Jahre fanden Libellenkundler diese Art aber dann auch zunehmend an sauerstoffreichen, schnellfließenden Sandbächen im Tiefland. Auch im Kreis Wesel wurde diese Libellenart 1983 erstmalig im NSG Hünxer Bachtal durch Mitarbeiter der Biologischen Station entdeckt.

Libellen sind Insekten = Kerbtiere. Dies heißt, dass sie einen Körper mit einem Außenskelett aus Chitin besitzen, der in drei Hauptabschnitte aufgeteilt ist. Dies sind der Kopf, der Brustabschnitt und der Hinterleib. Am Brustabschnitt finden sich bei den Libellen 3 Paar Beine und 2 Paar Flügel. Damit sind diese vollständig mit Beinen und Flügeln ausgestattet.
Insekten machen eine sogenannte Metamorphose durch, d.h. sie durchleben mehrere sehr verschiedene Stadien in ihrem Leben. Bei einer vollständigen Entwicklung geht diese vom Ei über die Larve über die Puppe zur Imago, dem erwachsenen geschlechtsreifen Tier. Bei Libellen wie auch bei den Heuschrecken wird diese Entwicklung um eine Stufe verkürzt, indem die Puppe wegfällt.
Libellen sind ans Wasser gebunden. Die Eier werden von den Weibchen nach der Paarung entweder frei ins Wasser abgeworfen oder mit einem Legebohrer in Wasserpflanzen eingestochen. Aus den Eiern schlüpfen die Larven, die bis zu 5 Jahre im Wasser leben und sich dort von allem Getier ernähren, was sie überwältigen können. Sie sehen, Libellen sind Räuber des Wassers, aber auch der Lüfte.
Nach bis zu 14 Häutungen - denn nur so können Libellen wachsen - verlässt die Larve das Wasser, klammert sich an einem frühen Morgen an einer aus dem Wasser ragenden Pflanze oder einem anderen ungestörten Plätzchen fest und aus der Larvenhaut schlüpft eine zunächst sehr unscheinbare und schrumpelige Libelle. Durch Aufpumpen mit Hämolymphe, dem "Blut" der Libellen werden nacheinander die Flügel und der Hinterleib auf ihre endgültige Größe gebracht. Nach kurzer Zeit härtet der Chitinpanzer aus und die Libelle setzt zu ihrem Jungfernflug an.
Über wenige Wochen bis zu 3 Monaten, das ist die maximale Lebensdauer einer erwachsenen Libelle (Ausnahme sind die Winterlibellen), kann man nun die Flugkünste der Libellen bewundern. Im Flug werden andere Insekten gefangen, zerlegt und aufgefressen. Im Flug werden Reviere von den Männchen gegen andere Männchen verteidigt, im Flug werden die Weibchen zur Paarung ergriffen und beim Paarungsrad das Sperma an das Weibchen übergeben und auch im Flug werden von einigen Libellenarten die Eier in das Wasser abgeworfen. Nur bei schlechtem Wetter oder wenn es dunkel wird, sitzen die Libellen versteckt am Ufer der Gewässer. Vor allem Weibchen kann man durchaus in größerer Entfernung von Gewässern beobachten, wenn sie z.B. auf Waldschneisen Beute jagen. Diese Tiere sind meist noch relativ jung und noch nicht paarungsbereit und entziehen sich so den am Gewässer auf sie wartenden Männchen.

Die Zweigestreifte Quelljungfer, wissenschaftlich heißt sie Cordulegaster boltonii, ist wie oben schon gesagt, unsere größte heimische Libelle. Man findet sie während ihrer Flugzeit von Anfang Juni bis Anfang August im nahen Umfeld von kleinen Waldbächen.
Im Kreis Wesel haben wir diese Libelle bisher an 16 kleinen Bächen entdecken können. Immer sind es ganz typische Abschnitte dieser Bäche, wo man sie dann finden kann. Der Bach muss durch einen Wald fließen, das Wasser muss relativ sauber sein und einen sandigen, flachen Untergrund haben. Der Bach muss teilweise beschattet und ca. 1 bis 2 m breit sein. Bei uns besiedelt diese Libelle fast immer die Bachabschnitte, die an der Hauptterrassenkante durch schmale Waldstreifen fließen. Hierbei scheint nicht entscheidend zu stören, dass diese Bäche in ihrem Oberlauf durch landwirtschaftliche Nutzflächen fließen und entsprechend mit Chemikalien belastet sind. Durch das relativ hohe Gesamtgefälle hat die Libelle relativ sauerstoffreiche Wasserverhältnisse mit kleinräumig wechselnden Fließgeschwindigkeiten.

Larve der Zweigestreiften Quelljungfer
Die Larve lebt extrem unauffällig am Grunde der Bäche flach im Sand vergraben, nur der Kopf und die Analpyramide schauen aus dem Sand heraus. An einer solchen Stelle sitzend, wartet sie auf vorbeitreibendes Kleingetier, welches blitzartig mit der Fangmaske ergriffen und dann aufgefressen wird. Bis zu 5, in Extremfällen sogar 7 Jahre benötigt die Larve für ihr Wachstum, bis sie dann das Wasser verlässt und aus der Larve eine flugfähige Libelle schlüpft. Zum Schlüpfen verlässt die Libelle das Wasser frühmorgens und entfernt sich von diesem bis zu 4 m und steigt in Bäume bis in 3 m Höhe. Dort setzt sie sich fest, um ungestört aus der Larvenhülle zu steigen. Das fliegende Tier hat dann nur noch eine erheblich kürzere Lebensdauer von wenigen Wochen.
Zunächst verlassen die Libellen den Nahbereich ihres Heimatgewässers, um in einem sog. Reifeflug in mehreren Tagen geschlechtsreif zu werden. Dann kehren die Tiere an ihren Bach zurück, um sich dort zu paaren. Die Männchen patroullieren entlang des Baches, um dort jedes erreichbare Weibchen zu ergreifen und sich fortzupflanzen. Die Weibchen stechen zur Eiablage mit einem lang abstehenden Legedorn die Eier im Flug senkrecht in den flach von Wasser überströmten, feinen Sand.
Und somit schließt sich der Lebenszyklus der Zweigestreiften Quelljungfer.